Archive for Juli 20, 2011

Stimmungen

Ich glaube, inzwischen kann ich jeden Eintrag mit “Tut mir Leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe…” einleiten, aber dieses Mal habe ich sogar eine passable Ausrede: Ich hatte kein Internet!

Ja, also inzwischen habe ich mich in meiner neuen Wohnung gut eingelebt, und wie erwartet ist Dresden viel, VIEL schöner als Großenhain. Ständig ist irgendwo was los, und selbst nachts dudelt immer von irgendwo her Musik durchs Fenster. Ich weiß, vielen Leuten würde das tierisch auf den Wecker gehen, aber mir gefällt es. Auf diese Weise ist man ständig mit seiner Außenwelt in Kontakt (nach der langen Isolation eine echte Wohltat), und man fühlt sich einfach irgendwie lebendiger.

Leider sind in meinem Umfeld jetzt neue Fälle von Krebs aufgetreten. Es ist seltsam mitanzusehen, wie bei diesen Menschen jetzt der gleiche gräßliche Film von vorne losgeht, und es macht mich sehr traurig, denn ich würde ihnen all das ganze Leid gerne ersparen. Aber das geht nun mal nicht, das Einzige, was ich tun kann, ist ständig an sie zu denken und ihnen Kraft zu wünschen. Langsam bekomme ich eine Ahnung, wie sich meine Freunde, Verwandte und Bekannte alle gefühlt haben müssen.

Nur meine Stimmungsschwankungen und Launen bin ich leider noch nicht losgeworden. Es ist einfach verrückt: in einem Moment bin ich noch total gut drauf, lache und albere herum. Ich male mir Gesichter auf die Finger und spiele spanisches Puppentheater, erzähle meine Freund abends im Bett wilde Gruselgeschichten und bin nur noch am Rumkichern. Und dann, innerhalb von wenigen Sekunden, kippt meine Stimmung. Wie ein Blitz durchfährt mich plötzlich ein seltsames, unangenehmes Gefühl, und ich bin wieder gefangen in meinen Erinnerungen. Wie in kleinen Filmsequenzen sehe, nein spüre ich einzelne Szenen aus meinem Leben: wie ich vor den Umkleideräumen stehe und ungeduldig auf mein Fussballtraining warte. Wie ausgepowert und gut ich mich danach fühle, wenn ich mit meinem Team noch zusammensitze und die Taktik für das kommende Spiel bespreche. Und dann, zack, die nächste Sequenz: Wie ich auf der FSJ-Fahrt abends mit meinen Freundinnen ein Klavierstück aus meinem Lieblingsfilm “Die fabelhafte Welt der Amelie” anhöre, um besser einschlafen zu können. Wie ich bei mir noch denke, dass ich wohl eines Tages wehmütig an diesen Augenblick zurückdenken werde. Und schließlich sehe ich, wie ich etwas aufgeregt neben diesem blonden gutaussehenden Jungen sitze, und wie wir uns meinen Lieblingsfilm anschauen. Wie Marcel und ich uns dabei aus den Augenwinkeln beobachten, weil wir beide eigentlich schon wissen, dass wir uns in den jeweils anderen verliebt haben.

All diese Erinnerungen machen mich normalerweise glücklich, doch heute ist die böse kleine Stimme in meinem Hinterkopf wieder da: “Ja, sieh dir ruhig noch einmal an, wie schön es damals war, denn so wird es nie wieder sein. DU wirst nie wieder so sein!” Mein Kopf beginnt zu dröhnen, und ich sitze fest in diesem Karussel aus Gedanken. Die Welt in mir scheint sich zu drehen, immer schneller, und ich bekomme sie nicht mehr zu fassen. Habe ich all diese Sachen wirklich erlebt? War das einmal Realität? Oder liege ich nicht vielmehr im Krankenhaus und fantasiere mir all das in einem Medikamentenrausch zusammen?

Solche Momente können der Horror sein. Tagelang fühlst du dich gut, beginnst, dein Leben auf die Reihe zu bekommen, und dann ziehen dich ein paar Gedanken wieder dermaßen runter, und du fühlst dich hoffnungslos und depressiv. Eine Weile lang habe ich dieses Spiel mitgemacht, bis ich einsehen musste, dass es mir psychisch immer dreckiger ging, und ich immer mehr in diesem Sumpf aus negativen Gedanken versank. Dann habe ich mir Hilfe gesucht – widerstrebend zwar, weil ich doch endlich mal etwas alleine schaffen wollte, aber immerhin. Ich bin jetzt wieder bei meinem alten Psychoonkologen, und wir fangen an, mein Trauma aufzuarbeiten.

In manchen Momenten fühle ich mich schwach, weil ich noch nicht einmal mit meinen Gedanken alleine fertig werde, während andere da scheinbar gefasst und selbstsicher ihr altes Leben wiederaufnehmen. Doch inzwischen glaube ich, dass es gar nicht darum geht, ob man stark oder schwach ist. Hauptsache, ich komme da irgendwie durch und kann am Ende wieder glücklich und vielleicht sogar ein wenig unbeschwert sein.

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